Menschliche Werte – Nahrung für Körper und Seele | Brixlegger Wirtschaft - Weihnachtspost

„Komm herein, wir laden dich zum Essen ein.“ – so einfach klingt die Einladung, und doch steckt dahinter eine tiefe Philosophie. In meiner Kindheit habe ich, wie so viele andere, den Namen Walter Zugal, mit etwas Angst vernommen. Ein Termin beim Zahnarzt war immer mit wenig Vorfreude verbunden. Manchmal, wenn die Backe geschmerzt hat, vielleicht sogar mit Angst. Heutzutage ist die Emotion eine ganz andere, wenn ich den Weg zu Walter Zugal einschlage. Die Initiative Menschliche Werte in Brixlegg verbindet eine kostenfreie Mahlzeit mit einer Haltung, die auf uralten Prinzipien beruht: Wahrheit, rechtes Handeln, Frieden, Liebe und Gewaltlosigkeit.

Diese fünf Werte bilden das Fundament – nicht nur für ein gemeinsames Mittagessen, sondern für ein gelingendes Miteinander. Doch was bedeuten sie in einer Gesellschaft, die oft von Eile, Konkurrenz und Konsum geprägt ist?

  • Wahrheit: Was heißt es, wahrhaftig zu leben? Vielleicht bedeutet es, sich selbst ehrlich zu begegnen – und in Begegnungen mit anderen keine Masken aufzusetzen. Welche Persönlichkeit ist man? Hierzu ein spannender Ausflug in die Wortbedeutung von „Persönlichkeit“. Das deutsche Wort Persönlichkeit leitet sich vom Substantiv Person ab, das über das lateinische „persona“ in die deutsche Sprache gelangte. Persona bedeutete ursprünglich Maske, wie sie im antiken Theater getragen wurde. Später entwickelte sich daraus die Bedeutung Rolle oder Charakter, den ein Schauspieler verkörpert. Daher nun die Frage: Welche Maske trägst du? Welche Rolle „spielst“ du?

  • Rechtes Handeln: Wie oft tun wir Dinge aus Pflichtgefühl oder Nutzenkalkül? Hier wird gezeigt, dass Handeln auch aus reiner Freude am Geben geschehen kann – ohne Preis, ohne Gegenleistung.

  • Frieden: Ist Frieden mehr als die Abwesenheit von Streit? Beim gemeinsamen Essen wird spürbar: Frieden entsteht im Augenblick geteilter Zeit, in der Offenheit für den anderen.

  • Liebe: Nicht romantische, sondern universale Liebe – die Anerkennung des Anderen als wertvoll, so wie er oder sie ist. Vielleicht ist eine dampfende Schale Suppe auf einem schlichten Holztisch Ausdruck genau dieser Liebe.

  • Gewaltlosigkeit: Was heißt das im Alltag? In Brixlegg zeigt sich Gewaltlosigkeit in der Wahl pflanzlicher, nachhaltiger Speisen – ein stilles Ja zum Leben und zur Achtsamkeit gegenüber Natur und Mitgeschöpfen.

Das Projekt stellt so leise, aber eindringlich Fragen:
Was wäre, wenn Teilen wichtiger wäre als Besitzen?
Wenn Essen nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern Begegnung wäre?
Wenn Werte nicht nur auf Plakaten stünden, sondern auf Tellern serviert würden?
„Love all, serve all – help ever, hurt never“ heißt das Leitmotiv. Vielleicht ist es auch eine Einladung an uns selbst, zu prüfen: Wo in meinem Leben kann ich wahrhaftiger, friedlicher, liebevoller handeln?

So wird aus einem kostenlosen Mittagessen weit mehr als eine Mahlzeit: Es wird zu einem Spiegel unserer Menschlichkeit und Menschlichkeit braucht es nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern immer und überall. (gr)

Quelle: Brixlegger Wirtschaft, Weihnachtspost 2025

Der Verein Menschliche Werte: Nahrung für Leib und Seele | Brixlegger Nachrichten

Wollen Sie einmal Massaman-Curry mit Tofu probieren? Oder wissen, wie Lupinenkaffe mit einer Amaranthschnitte schmeckt? Dafür brauchen Sie nicht in ein ausgefallenes Lokal in die Stadt zu fahren. Jeden zweiten Freitag im Monat gibt es in Brixlegg die Einladung zu einem gesunden und noch dazu kostenlosen Mittagessen.

Walter Zugal, Zahnarzt aus Brixlegg, ist der Ideengeber dieses Projektes. Vor etlichen Jahren, als er in Indien Freiwilligendienst als Zahnarzt leistete, sah er, wie im Ashram neben dem kleinen Krankenhaus gelegentlich das ganze Dorf zum Essen eingeladen wurde. Die Fröhlichkeit bei diesen Zusammenkünften begeisterte ihn. Zurück in Tirol ließ Walter diese Idee des gemeinschaftlichen Essens nicht mehr los. Das kleine feine „Lokal“ öffnete im Juni 2018 erstmalig seine Türen und lädt seither alle ein, sich verköstigen zu lassen.

Dass selbst ein verschenktes Menü nicht reine Privatsache ist, versteht sich hierzulande von selbst. Die Küche, die er im Lokal einbauen ließ, ist von der Lebensmittelaufsicht abgenommen und Hygienestandards werden genauestens eingehalten. Dass möglichst hochwertige, frisch zubereitete Bio-Lebensmittel auf den Tisch kommen, ist für Walter selbstverständlich.

„Alles, was der Umwelt gut tut, tut einem auch selbst gut“ ist er überzeugt. So wurde bei Familie Zugal die Ernährung nach und nach auf fleischlos umgestellt. „Wir spürten einfach unmittelbar, wie gut uns gesunde Ernährung tut “ erzählt Edith Zugal, die Frau von Walter. Auch für sie ist die Einladung „Komm herein. Wir laden dich zum Essen ein“ mittlerweile eine Herzensangelegenheit. Dass diese für die beiden nicht nur Zeit und Arbeit kostet, ist für die beiden selbstverständlich. „Jedes Hobby kostet Geld. Unseres eben auch“ erklären beide lachend und freuen sich schon auf den nächsten Freitag. Gemeinsam mit großartigen Helfern werden durchschnittlich 60 Personen in jedem Alter beim Mittagsessen von „Menschliche Werte“ verwöhnt.

Alle Interessierten, Gestressten, Gelangweilten, Hungrigen oder einfach die, die das Hobby von Familie Zugal unterstützen möchten, sind nach wie vor herzlich eingeladen zu kommen! (Keine Anmeldung erforderlich)

Herzlichen Dank für dieses schöne Projekt im Ort!

Beim Mittagessen

Das Serviceteam bei der Arbeit


Text: Martha Fuchs
Foto: Markus Zugal
Quelle: Brixlegger Nachrichten 2024/02

„Essen ohne Kosten“ am Freitagmittag | Brixlegger Wirtschaft - Weihnachtspost

„Komm herein, wir laden dich zum Essen ein.“ – Schon mehreren Passanten dürften diese Plakatständer im Brixlegger Ortszentrum aufgefallen sein. Was sich dahinter verbirgt? Die Initiative „Menschliche Werte“.

So komme ich also vorbei, am Freitag, den 4. Oktober am Herrnhausplatz 9. Beim Betreten des Hauses strömt mir sofort ein feiner Duft in die Nase, es riecht nach Gewürzen und frischem Brot. Italienischen Bohnennudeleintopf mit Baguette gibt es heute. Ringsum höre ich Geklapper und Geplapper, im Raum herrscht eine freundliche, entspannte Atmosphäre. Rund 15 Mittagsgäste sitzen auf mehrere Tischgruppen verteilt und drei kleine Kinder wuseln in der Spieleecke umher.

Die Regeln sind leicht zu merken: [...] Setz dich hin, dein Essen wird serviert, als Nachspeise gibt es Kuchen und Obst. Noch kann ich es nicht ganz glauben. Dieses gute Essen? Kostenlos? Warum? Und wo ist der Haken? „Das fragen sich viele Menschen“, schmunzelt Initiator Walter Zugal, der die Initiative gemeinsam mit seiner Frau Edith und weiteren Beteiligten vor gut eineinhalb Jahren gegründet hat. „Andere Menschen spenden oder helfen ehrenamtlich und wir laden zu Mittag ein.“ Das heißt gemeinschaftlich vegetarisch Essen ohne Verpflichtungen, ohne Gegengabe, ohne Geld. Bei seinen Reisen nach Indien sei es dort üblich gewesen, dass manche Einwohner das ganze Dorf eingeladen haben und die Leute sich bei der gemeinsamen Mahlzeit unterhalten haben. Auch für die Initiative „Menschliche Werte“ stehen der zwischenmenschliche Aspekt und vollwertige Speisen im Mittelpunkt. „Wenn jemand einen Ausgleich für die Kosten sucht, kann er oder sie jemand anderem etwas Gutes tun“, ergänzt Zugal.

Der Zugang zum „Essen ohne Kosten“ ist unbeschränkt, jede und jeder ist herzlich willkommen. Auch bei meinem Besuch sind die Anwesenden bunt gemischt, von der jungen Mutter über den Arbeiter, der seine Mittagspause hier verbringt, bis hin zum älteren Ehepaar. Ich setze mich zu einer freundlichen Frau und ihren zwei Söhnen an den Tisch, etwas später stößt noch eine andere Familie zu uns dazu. Wir kommen gleich ins Gespräch, reden über das leckere Essen, über das Wetter, über das Leben. „Einfach nett ist sowas“, findet auch eine andere Anwesende. Manche sitzen länger hier und unterhalten sich noch, andere verabschieden sich und ziehen weiter. Auch ich verlasse das lilafarbene Haus, satt und glücklich und inspiriert von den angenehmen Begegnungen. Und ja, es wird bestimmt nicht mein letzter Besuch beim „Essen ohne Kosten“ gewesen sein. (mel)

Quelle: Brixlegger Wirtschaft, Weihnachtspost 2019